Prof. Eduard Uhlenhuth, Herzog Alfred von Coburg und Familie, 1906.
Fotomontage. (oben)
Abzug auf einer Echtfotopostkarte mit dem mehrsprachigen Aufdruck des Weltpostvereins (UPU). Die Postkarte ist leicht beschnitten auf 8,7 × 13,7 cm. Links unten im Foto weiß bezeichnet „Herzog Alfred v. Coburg u. Familie“, rechts unten im Foto schwarz signiert und datiert: „Prof. E. Uhlenhuth, Coburg 1906“. Beide Bezeichnungen befinden sich wohl im oder auf dem Negativ. Sammlung Heinz-Werner Lawo.
Prof. Eduard Uhlenhuth, Herzog Alfred von Coburg und Familie, vor1900. (unten)
Daten und Verbleib des Fotos unbekannt. Originalabzug wahrscheinlich beim Royal Collection Trust.
Die ursprüngliche Aufnahme (unten) von Eduard Uhlenhuth, dem Hoffotografen in Coburg, entstand in den späten 1890er Jahren vor dem Schloss Rosenau. Es zeigt Herzog Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha (mit Zylinder) mit seiner Ehefrau Marija Alexandrowna (vor ihm sitzend), seiner älteren Schwester Victoria (gen. Vicky, in Schwarz, Witwe von König Friedrich III. von Preußen) und seine vier Töchter Maria, Victoria, Alexandra und Beatrice (alle in Weiß). Bei der Aufnahme nicht anwesend war sein einzige Sohn Alfred Junior.
Alfred Senior war der zweitälteste Sohn von Königin Victoria von England und als solcher, nach seinem älteren Bruder Edward, zunächst zweiter Anwärter auf den Thron von England und Alfred Junior war sein einziger Stammhalter und Erbe. Nach einer angeblichen, unstandesgemäßen Heirat und einem anschließenden Zerwürfnis mit seiner Mutter versuchte Alfred Junior sich mit einem Revolver zu erschießen. Er starb kurz danach an den Folgen des Suizidversuches im Februar 1899 im Alter von 24 Jahren.
Ein Jahr später starb auch sein Vater.
Uhlenhuth hat bei der Fotomontage von 1906 den ursprünglich fehlenden Alfred Junior in das alte Familienbildnis hinein montiert, zwischen Mutter und Tante, und vor den Tisch, auf den eine Schwester ihre Hand stützt. Uhlenhuth vervollständigte so posthum das Bildnis einer von ihm oft fotografierten Familie, von der zum Zeitpunkt der Montage nur noch die Frauen lebten. Da im November 1905 der neue Herzog Carl Eduard mit großem Pomp in Coburg eingezogen war, ist die Montage von 1906 deutlich retrospektiv gefertigt worden. Ein konkreter Anlass ist jedenfalls nicht zu erkennen.
Vieleicht war es die Erinnerung eines alternden Fotografen, der bei der Durchsicht seiner Fotos der adligen Familie eine ungefüllte und bedauerliche Leerstelle, eben das Unausgefüllte der Geschichte entdeckte, die als Motivation für diese Montage den Ausschlag gab. Eine Gelegenheit, die sich Uhlenhuth nie geboten hatte, und die er nun durch die Montage zweier Fotos für sich zu einem Abschluss brachte.
Die Montage selbst ist geschickt umgesetzt, wenngleich die Proportionen und der Lichteinfall nicht ganz stimmen. Interessant dagegen ist die Auswahl der hinein montierten Fotografie. Obwohl andere mit höfischer Repräsentanz zur Auswahl vorlagen, tritt Alfred Junior hier in ziviler, geradezu zwanglos legerer Kleidung auf. Offensichtlich hegte Uhlenhuth eine gewisse Sympathie für den unkonventionellen, gegen höfische Gepflogenheiten aufbegehrenden jungen Mann.
Für die Fotomontage benutzte Uhlenhuth ein altes Negativ des Familienbildes. Der Abzug für die Montage zeigt bis auf den oberen Rand wesentlich mehr davon. Das ältere offizielle Bild wurde also auf die Peronen beschnitten. Im Vergleich der beiden Fotos zeigt sich, dass offenbar auch das offizielle Foto selbst schon manipuliert wurde. Es ist in der Höhe gestreckt, wodurch alle, insbesondere die Frauen, schlanker und imposanter erscheinen.
Montag, 24. August 2015
Mittwoch, 3. September 2014
Frank Coldewey, Attrappen, 2000
Frank Coldewey, Attrappen, 2000
Mischtechnik (Acryl auf Farbfotokopien) auf MDF-Platte, 55,5 x 40 cm
Webseite des Künstlers: http://frank-coldewey.de/
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Malerei
Samstag, 12. April 2014
John Marshall Harlan I (1833-1911)
Porträt von John Marshall Harlan
vor zwei Spiegeln, um 1893, bzw. vor 1957,
35,3 x 27,7 cm, kolorierte S/W-Fotografie,
retuschierte Reproduktion nach einer Ferrotypie, die in Shaw’s Spectretype Photographic Gallery in Atlantic City, NJ, um 1893 entstand.
Prov: Antiquitätenhandel, North Bergen, NJ; Nachlass Alan Furman Westin (1929-2013); Geschenk von John Marshall Harlan II (1899-1971), dem Enkel von Harlan I, an Alan Westin; Nachlass John Marshall Harlan I.Alan Westin veröffentlichte 1957 ein Buch über "John Marshall Harlan and the Constitutional Rights of Negroes: the Transformation of a Southerner". Im Zuge der Recherche zu dieser Veröffentlichung dürfte die Fotografie in den Besitz von Alan F. Westin gekommen sein.
Ein ähnlicher Abzug befindet sich in der Library of Congress, Prints and Photographs Division: "John M. Harlan, full-length portrait, seated with right side and back to mirrors, providing a 360 degree view". Dieser Abzug zeigt aber links und rechts deutlich weniger von der Vorlage. Die Library of Congress datiert ihren Papierabzug auf 1920-1960 und notiert: "Reproduction of a photograph taken between 1890 and 1910". Die Fotografie kam 1957 zusammen mit anderen Papieren aus dem Nachlass von Harlan I als Geschenk von Harlan II in den Besitz der Library of Congress. Die Vorlage für diese Reproduktionen ist eine Ferrotypie (tintype), die sich ebenfalls in der Library of Congress befindet: "Visual materials from the John Marshall Harlan papers (item 2010650988, folder PR 13 CN 1974:068)". Diese Ferrotypie wurde von Linda Przybyszewski für die Titelgestaltung ihres Buches "The Republic according to John Marshall Harlan", University of North Carolina Press, Chapel Hill 1999, benutzt.
Im Negativ für die Reproduktionen wurde der auffällige, stark gemusterte Teppichboden wegretuschiert, um eine neutrale und unauffällige Bodenfläche zu erhalten. Die beiden Papierabzüge - weitere bisher nicht bekannt - sind vom gleichen Negativ, denn links über dem Griff des Stocks ist jeweils eine identische weiße Fehlstelle, die sich im Negativ befinden muss und bei der Retusche wohl übersehen wurde. Die Reproduktion aus der Sammlung Lawo ist im oberen Bereich der Spiegelflächen lasierend blaugrau mit einer Spritztechnik eingefärbt. Rückseitig Leimspuren von einer alten Montierung und handschriftlich in Bleistift unter der Leimung die Bezeichnung "5389 / JRT Sch".
vor zwei Spiegeln, um 1893, bzw. vor 1957,
35,3 x 27,7 cm, kolorierte S/W-Fotografie,
retuschierte Reproduktion nach einer Ferrotypie, die in Shaw’s Spectretype Photographic Gallery in Atlantic City, NJ, um 1893 entstand.
Prov: Antiquitätenhandel, North Bergen, NJ; Nachlass Alan Furman Westin (1929-2013); Geschenk von John Marshall Harlan II (1899-1971), dem Enkel von Harlan I, an Alan Westin; Nachlass John Marshall Harlan I.Alan Westin veröffentlichte 1957 ein Buch über "John Marshall Harlan and the Constitutional Rights of Negroes: the Transformation of a Southerner". Im Zuge der Recherche zu dieser Veröffentlichung dürfte die Fotografie in den Besitz von Alan F. Westin gekommen sein.
Ein ähnlicher Abzug befindet sich in der Library of Congress, Prints and Photographs Division: "John M. Harlan, full-length portrait, seated with right side and back to mirrors, providing a 360 degree view". Dieser Abzug zeigt aber links und rechts deutlich weniger von der Vorlage. Die Library of Congress datiert ihren Papierabzug auf 1920-1960 und notiert: "Reproduction of a photograph taken between 1890 and 1910". Die Fotografie kam 1957 zusammen mit anderen Papieren aus dem Nachlass von Harlan I als Geschenk von Harlan II in den Besitz der Library of Congress. Die Vorlage für diese Reproduktionen ist eine Ferrotypie (tintype), die sich ebenfalls in der Library of Congress befindet: "Visual materials from the John Marshall Harlan papers (item 2010650988, folder PR 13 CN 1974:068)". Diese Ferrotypie wurde von Linda Przybyszewski für die Titelgestaltung ihres Buches "The Republic according to John Marshall Harlan", University of North Carolina Press, Chapel Hill 1999, benutzt.
Im Negativ für die Reproduktionen wurde der auffällige, stark gemusterte Teppichboden wegretuschiert, um eine neutrale und unauffällige Bodenfläche zu erhalten. Die beiden Papierabzüge - weitere bisher nicht bekannt - sind vom gleichen Negativ, denn links über dem Griff des Stocks ist jeweils eine identische weiße Fehlstelle, die sich im Negativ befinden muss und bei der Retusche wohl übersehen wurde. Die Reproduktion aus der Sammlung Lawo ist im oberen Bereich der Spiegelflächen lasierend blaugrau mit einer Spritztechnik eingefärbt. Rückseitig Leimspuren von einer alten Montierung und handschriftlich in Bleistift unter der Leimung die Bezeichnung "5389 / JRT Sch".
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Dienstag, 22. Januar 2013
Jackson's Spectregraph Photo - Portrait eines unbekannten Jungen
Photograph: B. D. Jackson, 103 Monroe Street, Grand Rapids, Michigan, USA
Albuminabzug (6,1 x 15,7 cm) auf speziell angefertigte Karte aufgezogen (7,2 x 16,5), um 1895.
Auf der Rückseite der Karte gedruckt: "Jackson's Spectregraph Photos - The Most Attractive Style of Portrait ever introduced. Five different pictures without changing the position. All made at one sitting."
Mit der Einführung dieser Portraits, die mit Hilfe von zwei Spiegeln gefertigt wurden, entstand bei den Photographen das Bedürfnis, dieser besonderen Form von Portraits einen eigenen Namen zu geben, da sie sich von allen vorhergehenden Formen deutlich unterschieden. Sie wurden als "Spectretype Photos", Spectregraph Photos" oder "Photo-Multigraphs" angeboten. Keine dieser Wortneuschöpfungen konnte sich jedoch duchsetzen.
Mehr dieser "Fünffach Porträts" oder "Five-Way Photos" hier: http://uneinsamkeiten.blogspot.de/
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Samstag, 8. Dezember 2012
Carl Ferdinand Stelzner: Porträt Harro Harring, Hamburg 1848
Carl Ferdinand Stelzner: Porträt von Harro Harring, Hamburg 1848.
Daguerreotypie, in einem zeitgenössischen samtbezogenen Holzrahmen mit handgefertigtem Passepartout der Buchbinderei May aus Rendsburg.
Provenienz: Flohmark in Kiel; seit Anfang der 1970er Jahre im Besitz von Gerti Fietzek, Kiel/Berlin; seit 2009 Sammlung Heinz-Werner Lawo, Berlin; 2009 versteigert beim Auktionshaus Bassenge, Berlin; Sammlung Dietmar Siegert, München; seit 2014 im Münchner Stadtmuseum durch den Ankauf der Sammlung Dietmar Siegert.
Die Geschichte muss hier einfach mal erscheinen: Als Teenager kaufte Gerti Fietzek mit dem, ihr bis heute eigenen, sicheren Blick für Qualität auf einem Flohmarkt in Kiel "für 'ne Mark oder so" die hier vorgestellte Daguerreotypie. Es ging ihr nicht um das Alter der Fotografie. Weder der Fotograf noch der Dargestellte waren ihr oder dem Verkäufer bekannt und die Rahmung, ohne irgendeine Beschriftung, gab auch keinen Hinweis auf etwas Bedeutendes.
Was Gerti Fietzek als Teenager an dieser Fotografie faszinierte, waren die schönen Hände des verwegen aussehenden Typs. Markante, kräftige Hände mit schlanken, gepflegten Fingern, die wohl fest zupacken könnten, hier aber sehr eitel und überdeutlich beringt, mit Messer und Pistole eher vorsichtig spielen. Die Linke hält das Heft des langen Messers nicht wirklich in der Hand. Daumen und Zeigefinger vergewissern sich nur, dass es für den Notfall da ist. Eine gewisse Ängstlichkeit oder Unbeholfenheit drückt diese Geste schon aus. Die mit dem Daumen im Gürtel eingehakte rechte Hand dagegen signalisiert: Ich bin bedeutend, ich bin attraktiv, ich habe viele Abenteuer erlebt und wehe dem, der das bezweifelt. Schon klar, dass sich die Fantasien einer jungen Frau daran entzünden können. Ihr Titel für das Bild war denn auch schnell gefunden: Der schöne Pirat. Damit wurde er zum Vorbild für Burt Lancaster in Der rote Korsar und Johnny Depp in Fluch der Karibik.
Jahrzehnte verbrachte Der schöne Pirat in Schubladen und wurde als Schatz gehütet, bis er dann in Form einer kompensierenden Liebesgabe auf mich kam, weil bestimmte Fotografien, entgegen meiner früheren Geringschätzung, doch zu einem zentralen Thema für mich geworden waren, während diese eine Fotografie, unter den vielen sich vermehrenden Büchern bei ihr, zum Solitär verkommen war.
Mit Daguerreotypien hatte ich mich noch nicht beschäftigt. Deshalb machte ich mich zunächst sachkundig, erfuhr von der besonderen Empfindlichkeit der Oberfläche für Berührungen und Umwelteinflüsse und dachte erst einmal nach. Zwei Aspekt waren zu bedenken: Ersten hatte sich die Daguerreotypie gelockert und saß nicht mehr fest im Rahmen. Zweitens war die Rückseite zwar noch original verklebt, aber es waren kleine Risse im Papier an den inneren Rahmenkanten entstanden. Die dauerhafte Sicherung der eingeschlossenen Daguerreotypie stand also gegen die Bewahrung der insgesamt vorgefundenen historischen Substanz. Ich entschied mich für eine Dokumentation der beschädigten Rückseite und öffnete sie dann vorsichtig am Rand der Rahmung.
Im Inneren fand ich dann die eigentliche Überraschung. Zum Schutz der am Passepartout verklebten Daguerreotypie vor dem Kontakt mit den kleinen Nägeln im Rahmen hatte man die ursprüngliche, rückseitige Pappe der ersten Einfassung als Abstandshalter verwendet. Darauf befand sich ein kleiner Aufkleber eines Herrn "May, Buchbinder in Rendsburg" und die Bleistiftbeschriftung "1848 Daguerreotypirt."
Wegen des Kieler Fundorts und der Erwähnung von Rendsburg schloss ich auf einen norddeutschen Entstehungskontext und über das Revolutionsjahr 1848 auf einen Freiheitskämpfer wie Friedrich Hecker, der den Kalabreser-Hut als Symbol der revolutionären Bewegung etablierte. Es waren dann auch die Stichworte "1848, Freiheitskämpfer, Schleswig-Holstein", die mich über die Bildersucher bei Google zu einer kleinen Abbildung führten, die auf der Webseite der Harro Harring Gesellschaft gezeigt wird. Dabei handelte es sich um eine Radierung, die eindeutig nach der mir vorliegenden Daguerreotypie, oder einer ihr sehr ähnlichen zweiten Fotografie gefertigt wurde. Eine Anfrage beim Präsidenten der Harro Harring Gesellschaft, Herrn Prof. Dr. Ulrich Schulte-Wülwer, lieferte die entgültige Bestätigung. Der "schöne Pirat" war tatsächlich Harro Harring, der im März 1848 in Amerika von den revolutionären Bewegungen in Deutschland erfahren hatte und mit dem Wunsch, sich ihr anzuschließen, im Juni in Hamburg ankam. Herr Schulte-Wülwer bekundete als Direktor des Museumsberg Flensburg sofort sein Interesse an einem Ankauf der Daguerreotypie und schlug vor, zur Ermittlung des Kaufpreises ein kleines Gutachten seitens eines Auktionshauses in Berlin einzuholen. So kam ich in Kontakt mit Frau Jennifer Augustyniak und Herrn Elmar F. Heddergott vom Auktionshaus Bassenge. Dort wurde das Porträt von Harro Harring in einer Größenordnung taxiert, die sich weit jenseits der finanziellen Möglichkeiten der Harro Harring Gesellschaft befand. Herr Heddergott, als Experte für Fotografie des 19. Jahrhunderts, konnte die Fotografie sogar eindeutig dem Hamburger Daguerreotypisten Carl Ferdinand Stelzner zuschreiben
Obwohl sich der "schöne Pirat" damit als ein herausragendes Dokument der Zeit- und Fotografiegeschichte entpuppt hatte, blieb das öffentliche Interesse bei der Auktion beschränkt. Das Handelsblatt berichtete daher auch am 22.12.2009: "Symptomatisch ist der letztlich enttäuschende Zuspruch auf die von Bassenge in Berlin moderat getaxte Porträt-Daguerreotypie, die Carl Ferdinand Stelzner 1848 von dem bewaffneten Berufsrevolutionär und Literaten Harro Harring anfertigte. Dieses Motiv eines Kosmopoliten hätte allein schon aus historischen Gründen über Deutschland hinaus auf Interesse stoßen müssen. Tat es aber nicht, auch nicht bei den Museen. In Erscheinung trat einzig die nordfriesische Harring-Gesellschaft, die den literarischen Nachlass des hartgesottenen Schöngeistes verwaltet. Die aber machte dem am Ende siegreichen Münchener Privatsammler (mutmaßlich Dietmar Siegert) keine ernsthafte Konkurrenz; und so fiel für das monumental inszenierte Bildnis schon bei 19.000 Euro der Hammer (Taxe 15.000)."
Glücklicherweise ist Herr Siegert ein kundiger Sammler, der bereitwillig seine Schätze der Öffentlichkeit präsentiert. Harro Harring war schon in der Ausstellung La Bohème – Die Inszenierung des Künstlers in Fotografien des 19. und 20. Jahrhunderts im Kölner Museum Ludwig zu sehen, und zur Zeit befindet er sich zusammen mit anderen Beständen der Sammlung Siegert in der Ausstellung Deutschland in frühen Photographien 1840-1890 im Münchner Stadtmuseum.
Einen Scan der Daguerreotypie aus meiner fotografischen Dokumentation habe ich digital vorsichtig bearbeitet und weitgehend alle Fehlstellen, Staubkörner und Fussel retuschiert. Es ist ein Versuch, sich der ursprünglich vorhandene Bildinformation zu nähern und damit insgesamt eher eine Bildinterpretation als eine Dokumentation des aktuellen Zustands. Das Motiv erscheint dadurch in einer Klarheit, die das Original nicht bietet. Deshalb zeige ich es hier.
... und natürlich wegen der schönen Hände.
![]() | |
| Carl Ferdinand Stelzner: Porträt Harro Harring (digital gereinigt) |
Freitag, 7. Dezember 2012
Heinrich Holste - Der Schacht
Heinrich Holste: Der Schacht, 1924,
Linoleumschnitt 20,0 x 12,2 cm, Blatt 23,0 x 14,5 cm
Titelillustration der ersten Nummer (Blatt 1) der Zeitschift
DER SCHACHT, Blätter zur Einführung in die Vorträge
und für die Mitteilungen der Allgemeinen Volksbildungs-vereinigung "Feierabend", Werne - Bochum.
Leitung: Fritz Wortelkamp.
Heinrich Holste war der erste Bühnenmaler des Stadttheaters Bochum. Über ihn ist so gut wie nichts bekannt. Wer etwas über ihn oder die Volksbildungsvereinigung "Feierabend", die sich in der Gaststätte "Deutsche Flotte" am Hellweg in Bochum-Werne traf, weiß, möge sich bitte bei mir melden.
Ein kräftiges expressionistisches Blatt, das verblüfft, weil es 1924 in Bochum entstanden ist. In der Nähe zur Formensprache von Ernst Luwig Kirchner, oder auch beeinflusst durch die Bühnendekoration des Cabinet des Dr. Caligari von 1920, wird hier im oberen Abschnitt die durch Zechen und Kokereien geprägte Industrielandschaft des Ruhrgebiets dargestellt. Fabriken, eine Abraumhalde, rauchende Schornsteine, ein Förderrad in der Mitte und Kugel-Gasbehälter oder Kühltürme auf der rechten Seite bestimmen die oberirdische Szenerie. Darunter geht der Schacht in die Tiefe zur schwarzen Kohle. In diesem Schacht kauern die Wohnhäuser aus der Bergarbeitersiedlung. Der Schacht ist der Arbeitsort, der Lebensmittelpunkt und die Identität des Bergmanns, an den sich der Volksbildungsverein "Feierabend" mit seinem Kulturprogramm richtet.
Linoleumschnitt 20,0 x 12,2 cm, Blatt 23,0 x 14,5 cm
Titelillustration der ersten Nummer (Blatt 1) der Zeitschift
DER SCHACHT, Blätter zur Einführung in die Vorträge
und für die Mitteilungen der Allgemeinen Volksbildungs-vereinigung "Feierabend", Werne - Bochum.
Leitung: Fritz Wortelkamp.
Heinrich Holste war der erste Bühnenmaler des Stadttheaters Bochum. Über ihn ist so gut wie nichts bekannt. Wer etwas über ihn oder die Volksbildungsvereinigung "Feierabend", die sich in der Gaststätte "Deutsche Flotte" am Hellweg in Bochum-Werne traf, weiß, möge sich bitte bei mir melden.
Ein kräftiges expressionistisches Blatt, das verblüfft, weil es 1924 in Bochum entstanden ist. In der Nähe zur Formensprache von Ernst Luwig Kirchner, oder auch beeinflusst durch die Bühnendekoration des Cabinet des Dr. Caligari von 1920, wird hier im oberen Abschnitt die durch Zechen und Kokereien geprägte Industrielandschaft des Ruhrgebiets dargestellt. Fabriken, eine Abraumhalde, rauchende Schornsteine, ein Förderrad in der Mitte und Kugel-Gasbehälter oder Kühltürme auf der rechten Seite bestimmen die oberirdische Szenerie. Darunter geht der Schacht in die Tiefe zur schwarzen Kohle. In diesem Schacht kauern die Wohnhäuser aus der Bergarbeitersiedlung. Der Schacht ist der Arbeitsort, der Lebensmittelpunkt und die Identität des Bergmanns, an den sich der Volksbildungsverein "Feierabend" mit seinem Kulturprogramm richtet.
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Linoleumschnitt
Freitag, 12. Oktober 2012
Faking It: Manipulated Photography Before Photoshop
Gestern eröffnete das Metropolitan Museum in New York die Ausstellung Faking It: Manipulated Photography Before Photoshop, die von Mia Fineman kuratiert wurde. Anlässlich dieser Ausstellung präsentiere ich hier eine amerikanische 'Real Photo Postcard' aus der Zeit um 1915 aus meiner Sammlung, von der ich nicht genau sagen kann, ob es sich um eine sehr geschickte Doppelbelichtung oder um eine nachträgliche Fotomontage handelt. Nichts im Bild deutet auf eine der beiden Möglichkeiten hin. Das Foto zeigt jedenfalls keine Zwillinge, sondern zweimal das gleiche Mädchen, en face und im Halbprofil, und das Halbprofil ist auch kein Spiegelbild!
Wegen des großen Hutes erinnert mich diese Fotografie immer an das Maler-und-Modell-Porträt von Henri de Toulouse-Lautrec das Maurice Guibert um 1900 gefertigt hat, und das in der Ausstellung gezeigt wird.
Weiter Trickphotographien aus meiner Sammlung HIER.
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Mittwoch, 3. Oktober 2012
Schnell-Photo von A. Wertheim - Soldat mit Zwirbelbart
![]() |
| Foto 48 x 32 mm |
Jeanne R. Rehnig: „Fotografie für alle! Berliner Warenhausfotoateliers 1893 – 1933“, in: Fotografien vom Alltag – Fotografieren als Alltag, Irene Ziehe,Ulrich Hägele (Hg.), Lit Verlag, Münster 2004, S. 199-216, hier S. 202
Ein getreuer Untertan von Wilhelm II., der seinem offensichtlichem Vorbild, mit dem er ohnehin eine gewisse Ähnlichkeit hat, auch in der Barttracht folgt, hat hier das Angebot der A. Wertheim GmbH angenommen. Ganz der Staatsmann schaut er nicht in die Kamera sondern in eine unbestimmte Ferne, die sich später konkret als Elend im Schützengraben erweisen wird.
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Photographien,
Schnell-Photo
Dienstag, 2. Oktober 2012
1. Nachtrag zur Daguerreotypie von Joh. Richter: Vaters Vater Stoldt
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| Mettlacher Steinzeug, Entwurf 1844 |
Ein Helmut W., Sammler von Daguerreotypien, hatte eine Vermutung und benachrichtigte Horst Barbian, einen Freund und Kenner von Mettlacher Steinzeug. Der ging der Sache auf den Grund und hat erste Ergebnisse gerade im Mitteilungsblatt der Mettlacher Steinzeugsammler e.V. veröffentlicht ("Bitte recht freundlich! Mettlacher Steinzeug als Dekorationsobjekte in frühen Photographien um 1850", in: Mettlacher Turm, Nr. 108, September 2012, S. 10-11). Bei der Vase handelt es sich nach Barbian „um ein 1844, von Ludwig Foltz, für Villeroy & Boch entworfenes Modell, das in der späteren Steinzeugproduktion von Mettlach die Modellnummer 11 erhielt“. Barbian präsentiert auch gleich die Abbildung einer erhaltenen, direkt vergleichbaren Vase. Hier ist das florale Dekor zwar silbrig gefasst, aber die Form und die Reliefs scheinen identisch zu sein. Ein weiteres vergleichbares Stück, mit einem tanzenden Paar als zentralem Relief, wurde am 16. Mai 2010 in Amerika von der Four Seasons Auction Gallery, 4010 Nine McFarland Rd., Alpharetta, GA 30004, versteigert (Lot 11, Vilroy & Boch Mettlach German Cameo Vase, 1836-1855). Was ich auf der Grundlage der Daguerreotypie zunächst als „männliche Masken“ unterhalb der Henkel identifiziert hatte, sind in Wahrheit Darstellungen von bäuerlich gekleideten Männern, die auf ihren Schultern, wie Atlanten, mit gebeugtem Oberkörper scheinbar den unteren Henkelansatz tragen. In Gegensatz zu diesem architektonischen Motiv des Tragen und Lastens zeigen die zentralen Reliefs mit wehenden Gewändern tänzerische Leichtigkeit. Vielleicht spielt diese Opposition direkt auf die feste Form und den flüchtigen Inhalt einer Vase an.
Inspiriert von
diesen zeitgenössischen, frühen fotografischen Dokumentationen von Keramik
recherchierte Barbian weiter und konnte gleich eine Reihe weiterer
Dekorationsobjekte in Daguerreotypien, insbesondere aus der Sammlung Hermann Krone in der TU Dresden als Mettlacher Steinzeug identifizieren. Verlängert man
diese Ansätze in die Zukunft scheint mir hier ein sehr fruchtbarer
Informationsaustausch zwischen Forschern zur Keramik und solchen zur Fotografie
möglich, der in beiden Richtungen zu ganz neuen Erkenntnissen und
Zuschreibungen führen wird.
Ich danke Ulrich
Linnemann, der den Kontakt zu Horst Barbian vermittelte.
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Daguerreotypien,
Joh. Richter,
Photographien
Donnerstag, 30. August 2012
Daguerreotypie von Joh. Richter "Vaters Vater Stoldt" 1858
Passepartout
aus grüngrauem Papier, schwarz und goldfarben bedruckt, ca. 13,5 x 11,0 cm,
Bildausschnitt: 7,3 x 6,1 cm, Holzrahmen: 19,5 x 17,0 x 2,0 cm.
Das Glas der
ursprünglichen Einfassung ist noch erhalten. Die alte Rückseite und Aufhängung dagegen
ging wohl bei der späteren Einrahmung verloren. Auf der Rückseite dieser
Holzrahmung ist der Dargestellte in Bleistift bezeichnet als „Vaters Vater
Stoldt“ und von gleicher Hand auf 1858 datiert. Die Beschriftung erfolgte also ein
oder zwei Generationen später, wahrscheinlich durch einen Enkel.
![]() | |
| Porträt von Flecken und Kratzern digital gereinigt |
Dreiviertelporträt.
Der Dargestellte, ein circa dreißigjährige Mann sitzt vor einem gemalten
Hintergrund an einem kleinen runden Beistelltisch, auf den er den linken Arm
abgelegt hat und auf dem eine leere Vase steht. Die rechte Hand ruht auf dem
rechten Oberschenkel. Der Dargestellte ist vollbärtig, die Kopfhaare sind kurz
und glatt anliegend, die Schläfenhaare aber gelockt nach vorne gelegt.
Er trägt offen eine
zweireihig geknöpfte, wohl schwarze Jacke mit breiten Revers, eine gestreifte
dunkle Hose, eine wohl bunte, karierte Weste mit aufgesetzten Tressen, ein
weißes Hemd und ein Halstuch, das zu einer Schleife gebunden ist. Er trägt
keine Ringe, aber als Schmuck ein kleines, zweigliedriges Perlengehänge an dem
einzig sichtbaren Hemdknopf. Eine dünne Kordel, die er um den Hals trägt, ist
durch eine Brosche auf Brusthöhe zusammengefasste und verschwindet dann unter
der Jacke. An ihr ist wahrscheinlich eine Taschenuhr befestigt, die sich in
einer Westentasche befindet. Die prägnante
Vase auf dem Tisch erinnert mit ihren aufgesetzten weißen Schmuckelementen auf
glattem, matten Grund an Jasperware. Sie ist sechseckig und hatte einmal zwei
Henkel, von denen der hintere abgebrochen ist. Der untere Ansatz ist noch
vorhanden. Denkt man sich den zweiten Henkel hinzu hatte die Vase die Form
einer eckigen Amphore. Am Fuß, am Übergang vom Bauch zum Hals, der ein
Korbmuster hat, und am oberen umlaufenden Rand sind florale Elemente zu sehen.
Unterhalb des Henkels ist eine männliche Maske. Das seitliche Relief zeigt ein
tanzendes Mädchen. Die Tücher ihres Kleides umwehen ihren Körper. Sie steht auf
der linken Fußspitze und hält mit beiden Armen über dem Kopf einen Früchtekorb.
Der gemalte Atelierhintergrund
zeigt eine Seen- oder Flusslandschaft. Jenseits des Gewässers liegt eine
Hügelkette. Diesseits, am linken Rand des Bildes, ist ein steil ansteigender
Berghang zu sehen, auf dem ein runder Turm steht. Am rechten Bildrand, weiter
im Vordergrund steht eine Kirche mit spitz zulaufendem Turm. Vor der Kirche
befindet sich ein Weg oder eine Freifläche und Gebüsch. Zwischen dem gemalten
Hintergrund und dem Dargestellten und dem Tisch befindet sich eine reale,
niedrige Balustrade mit gekreuzten Elementen, die den Übergang zwischen Bild-
und Realraum verschleiert.
Durch die
freundliche Hilfe von Jochen Voigt konnte die Daguerreotypie dem Photographen J.
Richter zugeschrieben werden. Jochen Voigt erinnerte sich auf Nachfrage an eine andere Aufnahme,
bei der die gleiche Vase, und, wie sich dann herausstellte, sogar der gleiche
Tisch benutzt wurden. Auf der originalen Rückseite dieser Daguerreotypie, die ein Proträt von Ottomar Schiemann von 1850 zeigt, befindet
sich ein ovales Etikett mit der Angabe „DAGUERREOTYP VON J. RICHTER BERLIN.“
Diese Daguerreotypie ist von mir näher beschrieben und besprochen auf der wunderbaren und verdienstvollen Internetseite von May und Jochen Voigt: daguerreotype-gallery.de
Über diesen
Fotografen ist nicht viel, aber doch einiges bekannt. Fritz Kempe schreibt über
J. Richter im Kapitel "Die fotografische
Frühzeit in Mecklenburg und Neu-Vorpommern" (S. 173-178) in seinem Buch Daguerreotypie in Deutschland, Vom Charme
der frühen Fotografie (Seeburg am Chiemsee, Heering Verlag, 1979). Seine
Informationen bezieht Kempe aus den Veröffentlichungen von Wolfgang Baier. In
dessen von Kempe im Text angeführten Quellendarstellungen
zur Geschichte der Fotografie wird J. Richter aber nicht erwähnt. Der eigentliche
Referenzentext ist wohl der Artikel von Wolfgang Baier, "Zur
Frühgeschichte der Photographie in Stralsund und Greifswald", in:
Greifswald-Stralsunder Jahrbuch, Bd. 3, 1963, S. 179-202. Dort teil Baier mit: „In
Stralsund annoncierte der Photograph J. Richter zuerst am 10. Dezember 1850. Er
kam, wie er selbst angab, aus Berlin, war 1849, vielleicht auch schon 1848 in
Neustrelitz tätig und trat im Frühjahr 1850 in Neubrandenburg auf. Es ist
wahrscheinlich, daß er nach seiner Ankunft im Dezember 1850 in Stralsund sich
hier für die Dauer niederließ, denn im Dezember 1851 annonciert er wieder unter
der Angabe der gleichen Adresse Heilgeiststraße 24. Seine erste Anzeige ist in
mancher Hinsicht von Interesse („Strals. Zeitg.“, 10.12.1850, Nr. 288): ‚Lichtbilder.
Ein geehrtes Publikum, welches Interesse für Daguerreotypien nimmt und sie zu
Weihnachtsgeschenken zu verwenden beabsichtigen, ersuche ich, Ihre Sitzungen,
welche in der Tageszeit von 10 bis 2 Uhr auch bei trüber Witterung geschehen,
bald zu veranlassen. Der Preis ist für ein Porträt im Normal-Maßstab 1½ Thaler
und möchten solche Bilder als zartes Geschenk zu betrachten sein, abgesehen von
der Dauer, welche nach chemischen Grundsätzen der der Ölbilder nicht nachsteht.
Auf Verlangen werden sie auch ohne Preiserhöhung koloriert gemacht.‘“ (Baier, S. 186)
In seinem
Aufsatz „Der Maler-Photograph Wilhelm Bahr“ (in: Bild und Ton, 1963, Heft 4, S. 124-126, Fortsetzung in
Heft 5, S. 149-151) verweist Wolfgang Baier (S.125, in Anm. 9) zudem auf eine Anzeige von J.
Richter im Wochenblatt für Mecklenburg
-Strelitz vom 28. Oktober 1849.
Richter war also
zunächst als Wanderdaguerreotypist in Mecklenburg und Berlin unterwegs und
dabei auf der Suche nach einer hinreichend großen ‚unbesetzten‘ Stadt, die ihm
ein Auskommen dauerhaft sichern sollte und in der er sich niederlassen konnte. In
Stralsund war er als erster und besetzt sogleich selbst dieses Einzugs- und
Absatzgebiet. Baier berichtet von den Erinnerungen eines anderen
Wanderdaguerreotypisten (aus: Photographische Chronik, 1912, S. 81) der vor dem
gleichen Problem stand. Besagter Friedrich Wilde besichtigte als reisender
Fotograf „mehrere schlesische Städte; in Berlin wurde ihm Frankfurt/O.
angeraten, wo ein bereits ansässiger Konkurrent ihm Stralsund empfahl. Doch
traf er dort den schon ansässigen Photographen Richter, der ihm sagte, er sei
nach 7 Monaten Tätigkeit soweit, daß er hoffe, bescheiden existieren zu können.
Wilde wandte sich darauf wieder nach Frankfurt.“ (Baier, S. 187)
Baier schreibt
weiter: „ Richter hielt aus, und blieb in Stralsund, hörte nicht auf zu lernen
und wandte sich 1853 auch der Papierphotographie zu sowie der Photographie aus
Glasplatten. Im Juni 1852 verfügt er bereits über einen ‚Lichtsalon‘, den er
sich in einem Eckhause der Baden- und Kleinschmiedstraße eingerichtet hatte
(nach einer mehrfach wiederholten Anzeige vom 9. Juni 1852 in der
„Strals.Ztg.“). Die Papierphotographie begegnet uns in Stralsund erstmalig in
der Anzeige Richters vom 4. November 1853 („Strals. Ztg.“, Nr. 258): ‚Mit dem
heutigen Tag eröffne ich neben meinem Daguerreotyp-Geschäft ein Geschäft für
photographische Bilder auf Glas und Papier. Da diese Bilder in neuester Zeit so
große Vollkommenheit erreicht, so habe ich keine Mühe und Kosten gescheut, auch
dem hiesigen und umwohnenden Publikum ebenfalls Gelegenheit zu geben hier
solche Bilder zu erlangen, da es nur wenigen Personen möglich war, sich solcher
Bilder in Berlin oder anderen großen Städten zu verschaffen. Die Sitzungszeit
ist wie beim Daguerreotyp nur wenige Sekunden und zwar jetzt in der Tageszeit
von 9 Uhr bis 3 Uhr im eigens dazu konstruierten Lichtsalon, welcher bei kühler
Witterung geheizt ist.“ (Baier, S.188)
Baier schreibt
weiter: „1855 erbietet sich Richter am 2. Dezember wieder: ,Photographien
sowohl auf Papier wie auf Silberplatten (Daguerreotypen), letztere bis zur
kleinsten Medaillon-Größe täglich von 9 bis 2 Uhr im geheizten Glassalon
anzufertigen.‘ Von dieser Zeit ab verlieren die Daguerreotypien mehr und mehr
an Boden. In Anzeigen werden sie nicht mehr erwähnt.“ (Baier, S. 188)
Zum Abschluss
dieses Kapitel listet Baier alle Fotografen, die im 19. Jahrhundert in
Stralsund tätig waren, sowie den Zeitraum ihrer nachgewiesenen Tätigkeit. In
dieser Liste nennt Baier zum ersten und einzigen Male den Vorname von J.
Richter: „Julius Richter, 1850 - 1864“ (S. 198). Ulrich Pohlmann übernimmt den
Vornamen Julius in einer Anmerkung zur Papierfotografie in: Alois Löcherer: Photographien 1845-1855,
München, Schirmer/Mosel, 1998, S. 197, Anm. 8.
Gelistet wird J. Richter auch in: Wilhelm Dost, Die Daguerreotypie in Berlin 1839 - 1860, Berlin, R. Bredow Verlag, 1922: „In diesem Jahr [1846] stellte sich als neuer Daguerreotypist J. Richter, Leipziger Straße 96 ein.“ (S. 94) In der Liste auf S. 112 finden sich die auf Berlin bezogenen Informationen: früheste Feststellung im Dezember 1846, Adresse im Jahr 1850 ist die Leipziger Str. 96 und im Jahr 1853 die Wilhelmstraße 96, „danach nicht mehr“.
Die Angaben von
Dost widersprechen den Eintragungen in den Adressbüchern für Berlin. Dort wird der
Daguerreotypist Richter nur zweimal im Jahr 1847 in der Leipziger Str. 96 und
im Jahr 1850 in der Wilhelmstr. 96, jeweils ohne Nennung eines Vornamens,
aufgeführt. Die Adressen und der zeitliche Abstand der beiden Nachweise von
drei Jahren stimmen überein. Insofern handelt es sich bei Dost wohl um einen
Übertragungsfehler.
Ausschließlich im
Jahr 1850 taucht in der fraglichen Zeit in den Berliner Adressbüchern der Nachname
Schiemann auf. Genannt wird die Witwe Schiemann, geb. Lindemann in der
Splittgerbergasse 4. Die Splittgerbergasse existiert heute nicht mehr, sie war
aber nur circa 1,5 Kilometer von der Wilhelmstraße 96 entfernt. Dieses
Zusammentreffen bestätigt die Angaben auf der Rückseite des Portraits von
Ottomar Schiemann. Diese Aufnahme wurde von J. Richter 1850 in Berlin in der
Wilhelmstraße 96 gefertigt. Das Portrait von Großvater Stoldt dagegen entstand
einige Jahre später um 1858 in Stralsund, wahrscheinlich im Lichtsalon des
Eckhauses in der Baden- und Kleinschmiedstraße.
Zu den bisher veröffentlichten
Informationen zu J. Richter kann ich noch folgende hinzufügen: J. Richter war,
was Baier nur vermutete, mit Sicherheit ab 1851 in Stralsund ansässig. Er war
Mitglied im Literarisch-geselligen Verein zu Stralsund, der im Turnus von zwei
Jahren Berichte veröffentlichte. Darin wird Richter als ‚einheimisches
Mitglied‘ seit 1851 gelistet, und die penibel geführte Mitgliederstatistik
unterscheidet sehr genau zwischen einheimischen und auswärtigen Mitgliedern:
9. Bericht des literarisch-geselligen Vereins zu
Stralsund über sein Bestehen während der Jahre 1852 und 1853, Stralsund, in
der Löffler´schen Buchhandlung (C. Hingst), 1854
Gelistet in Abteilung
14, Mitglied seit 1851, Nr.166: Richter (J.), Photograph.
10. Bericht des literarisch-geselligen Vereins zu
Stralsund über sein Bestehen während der Jahre 1854 und 1855, Stralsund, in
der Löffler´schen Buchhandlung (C. Hingst), 1856
Gelistet in Abteilung
14, Mitglied seit 1851, Nr.145: Richter (J.), Photograph.
J. Richter hatte
zwei Jahre lang in Stralsund den späteren Berliner Hoffotografen Adolf Halwas
als Lehrling und Assistent. Dies folgt aus einer biographische Skizze zum
50-jährigen Berufsjubiläum des Berliner Fotografen in: Photographische Chronik, Band 13, 1906, S. 175: „Bei dem
Photographen Richter-Stralsund, in dessen Geschäft er am 3. April 1856 eintrat,
lernte der Jubilar die Daguerreotypie und die damals sehr beliebte Panotypie
kennen. Von April 1858 an war Halwas in Berlin tätig, (…).“
Im Allgemeinen Wohnungsanzeiger für Stralsund
und die Vorstädte für das Jahr 1863, Stralsund, Sandhop, 1862, wird der
Fotograf Richter mit der Adresse St. Nicolai-Quartier Nr. 204 angeführt. Auch
hier ohne Nennung des Vornamen.
J. Richter war bis
zum 5. Mai 1869 Mitglied im Photographischen
Verein zu Berlin, der sich 1863 gegründet hatte. Hierzu der Bericht von
Hermann Vogel in: Photographische Mittheilungen,
Zeitschrift des Vereins zur Förderung der Photographie, Dr. Hermann Vogel
(Hrsg.), 6. Jg., Berlin, Verlag von Robert Oppenheim, 1870, S. 62-63: „In der
Sitzung des Photographischen Vereins vom 7. Mai meldeten 49 Mitglieder ihren
Austritt unter Abgabe der folgenden Erklärung an: Die Unterzeichneten erklären
ihren Austritt aus dem Photographischen Verein zu Berlin, weil sie der
Ueberzeugung sind, dass die derzeitigen herrschenden Streitigkeiten innerhalb
des Vereins die Zwecke desselben nicht zu fördern im Stande sind und das Ende
derselben nicht abzusehen sei. Berlin, den 5. Mai 1869.“ Bei dem Streit
handelte es sich wohl um die Frage des Beitritts von neuen auswärtigen Mitgliedern
zum Photographischen Verein zu Berlin.
Einer der Unterzeichner der Austrittserklärung ist J. Richter, ein weiterer Dr.
Hermann Vogel, der Herausgeber der Photographischen Mitteilungen und Lehrer der
Photographie an der Königlichen Gewerbe-Akademie zu Berlin.
Sechs Tage
später am 11. Mai 1869 erfolgt in Abgrenzung zum Photographischen Verein zu Berlin die konstituierende Sitzung des
neuen Vereins zur Förderung der
Photographie, der eine „wissenschaftliche Tendenz“ haben soll. Man
beschließt, der neue Verein soll die gleiche Satzung bekommen wie der alte, nur
der Beitritt müsse neu geregelt werden. Bei dem Bericht von der Gründung des
neuen Vereins wird J. Richter nicht genannt.
Richter kapselte
sich also nicht in der kleinen Hansestadt Stralsund vom Rest der Welt ab. Er
hielt engen Kontakt zur technischen Entwicklung und zu den Berufskollegen in
der Hauptstadt. Richter ist dann aber doch wieder nach Berlin zurückgezogen. Im
Berliner Adressbuch von 1868 wird im „Nachweis sämmtlicher Geschäfts- und
Gewerbetreibender“ noch kein Fotograf namens Richter aufgeführt. Aber in der
folgenden Ausgabe von 1870 (Ausgabe 1869 fehlt) wird ein J. Richter mit der
Adresse Oranienburgerstr. 39 gelistet. Auch in der Mitgliederliste des Vereins zur Förderung der Photographie
mit Stand vom Ende September 1870 (veröffentlicht in: Photographische Mitteilungen,
7. Jg., Berlin 1871, S.181) wird ein J. Richter als Berliner Mitglied geführt
und als Adresse gleichlautend „Oranienburgerstr. 39“ angegeben. Bis 1868 ist
unter dieser Adresse ein Fotograf namens Schnitzer ansässig, von dem Richter
vielleicht das Atelier übernommen hat. In den Berliner Adressbüchern ist der
Fotograf Richter dann durchgehend ab 1870 bis einschließlich 1890 mit dieser Geschäftsadresse
nachgewiesen. Ab 1891 wird er nicht mehr als gewerblicher Fotograf gelistet,
sondern nur noch mit der neuen Privatadresse NW, Thurmstr. 25, der die
Berufsbezeichnung „Photograph“ beigefügt ist. Ab 1893 bis 1899 lauten die
Berufsbezeichnungen „Privatier“ (1893, 1894, 1896, 1897, 1899), „Verwalter“
(1895) oder „Rentier“ (1898). 1900 wird unter dieser Adresse eine „Rentiere“ M.
Richter geführt und ab 1901 wohnt keiner namens Richter mehr in der Thurmstr. 25.
Richter hat also
wahrscheinlich um 1890 seine berufliche Tätigkeit eingestellt, ist
wahrscheinlich um 1900 gestorben, und M. Richter war wohl seine Witwe.
Dazu passt die Information, dass das heute in der Oranienburger Str. 39 vorhandene Haus 1891 errichtet wurde. Der Vorgängerbau, in dem sich das Atelier von Richter befand, musste dafür abgerissen werden. Das wird der konkrete Anlass für Richter gewesen sein, in den Ruhestand zu wechseln.
Dazu passt die Information, dass das heute in der Oranienburger Str. 39 vorhandene Haus 1891 errichtet wurde. Der Vorgängerbau, in dem sich das Atelier von Richter befand, musste dafür abgerissen werden. Das wird der konkrete Anlass für Richter gewesen sein, in den Ruhestand zu wechseln.
Ich gehe aktuell davon aus, dass es sich bei dem Fotografen J. Richter, der in Berlin zunächst von 1847 bis 1850, und dann zwanzig Jahre später von 1870 bis 1890 aktiv war, um den gleichen J. Richter aus Stralsund handelt, der dort zumindest von 1850 bis 1864 aktiv war. Nachweise eines Fotografen namens J. Richter in Stralsund aus der Zeit nach 1864 liegen mir nicht vor, ebenso wenig wie Nachweise eines zweiten Fotografen gleichen Namens zeitgleich in Berlin. Bei J. Richter handelt es sich zwischen 1847 bis 1891 also jeweils immer um den gleichen Fotografen. Die Kontinuität in der Person schließe ich auch aus seiner Mitgliedschaft im Verein zur Förderung der Photographie.
Ich habe darüber keinen eindeutigen Nachweis, aber wenn J. Richter aus dem
Vorläuferverein 1869 unter Protest austritt und sich direkt anschließend der neue
Verein konstituiert, ist es sehr wahrscheinlich, dass es eben dieser J. Richter
ist, der 1870 Mitglied im neuen Verein ist.
Ich konnte nun Cartes de Visite eines Fotografen aus Berlin mit dem Namen Joh. Richter erwerben, dessen "Photographisches Institut" in der Oranienburger Str. Nr. 39 in Berlin war. Dabei muss es sich auch um den besagten J. Richter und Fotografen der oben gezeigten Daguerreotypie handeln.
Der von Wolfgang Baier
angegebene Vorname Julius, für den Baier keinen Beleg anführt, ist daher rückblickend wohl falsch. Wenn JOH keine Abkürzung für „Julius Otto Heinrich“ oder
dergleichen ist, dann lautet der richtige Vorname von Richter wohl eher Johann oder
Johannes.
Es handelt sich bei dem Fotografen J. oder Joh. Richter dagegen nicht um den Autor des Aufsatzes „Zur Geschichte der Photographie“, in: II. Programm der Realschule zu Weimar, Ostern 1861, Weimar, Druck der Hof-Buchdruckerei, 1861 (Vorhanden in der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Signatur: Art. plast.1187,034). Diese geschichtliche Zusammenfassung der Entwicklung der Fotografie seit Daguerre wurde von dem in Weimar tätigen Reallehrer Dr. J. Richter geschrieben.
Heinz-Werner Lawo, Ende August 2012
Heinz-Werner Lawo, Ende August 2012
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